Fokusthema

»Neues Leben im Exil«

Für Menschen, die aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen verfolgt werden, ist die Flucht ins Exil häufig die einzige Möglichkeit, das eigene Leben zu sichern. Sie verlieren ihre Heimat und das soziale Umfeld, die vertraute Sprache, ihren Beruf. Das Exil stellt die eigene Identität infrage.

Der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider (Foto: Claudia Höhne)
Der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider (Foto: Claudia Höhne)

 Auch vor dem Hintergrund der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands engagiert sich die Körber-Stiftung für Menschen, die gegenwärtig im Exil in Deutschland leben, die demokratische Werte teilen, sich als Mittler zwischen verschiedenen Welten verstehen und ihre Kompetenzen und Fähigkeiten in unsere Gesellschaft einbringen wollen. Wir sind davon überzeugt, dass diese Menschen Deutschland mit ihren Erfahrungen bereichern. Durch ihre aktive Einbindung in den öffentlichen Diskurs fördern wir das Verständnis für die Situation der Verfolgten und stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer lebendigen Bürgergesellschaft.

In Hamburg hat die Körber-Stiftung erstmals das Programm für die »Tage des Exils« koordiniert – eine Gemeinschaftsinitiative, die 2016 von der Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung ins Leben gerufen worden war. Rund 50 Partner aus Hamburger Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen beteiligten sich 2018 mit 60 Veranstaltungen zu Themen wie »Verlust der Heimat« und »Ankommen in einer fremden Kultur«. Damit schlugen die »Tage des Exils« die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit, regten zu Dialog und Verständigung zwischen Alt- und Neubürgern an und leisteten einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Schirmherrschaft übernahm der mehrfach prämierte irakisch-deutsche Schriftsteller Abbas Khider. NDR 90,3 und das Hamburg Journal konnten als Medienpartner gewonnen werden.

Zum Auftakt der »Tage des Exils« gewährte Khider, der mit 23 Jahren den Repressalien des Saddam-Regimes im Irak entflohen und im Jahr 2000 nach Deutschland gekommen ist, Einblicke in die Ambivalenz seiner Zugehörigkeitsgefühle und den Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Viel beachtet wurde die Fotoausstellung »Hier fühle ich mich Zuhause« im KörberForum, die in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Friedrun Reinhold entstand.

Can Dündar sprach in der Hamburger Elbphilharmonie (Foto: Claudia Höhne)
Can Dündar sprach in der Hamburger Elbphilharmonie (Foto: Claudia Höhne)

»Lassen Sie uns endlich akzeptieren: Wir leben auf einer Erde von Migranten.«: Diesen eindringlichen Appell für grenzüberschreitende Solidarität äußerte der vielfach ausgezeichnete Journalist und Autor Can Dündar, der wegen seiner offenen Kritik an Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan einer mehrjährigen Haftstraße in der Türkei durch die Flucht ins deutsche Exil entgangen war, in seiner von der Körber-Stiftung organisierten »Hamburger Rede zum Exil«.  Dündars Rede vor 500 Gästen in der Hamburger Elbphilharmonie wurde umrahmt von einem Konzert des Syrian Expat Philharmonic Orchestra.
Wie kann man Exil begreifbar machen, und was sollte ein Exilmuseum beim Besucher auslösen? Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller und der Historiker Christoph Stölzl sprachen im KörberForum darüber, wie man die Erinnerung an Hunderttausende von Exilanten, die das faschistische Deutschland verließen, wachhalten kann. Müller, die sich schon seit Jahren für ein solches Museum einsetzt, ist Schirmherrin der Stiftung Exilmuseum Berlin, Stölzl deren Gründungsdirektor.

Der Exil-Iraner SAID im KörberForum (Foto: Claudia Höhne)
Der Exil-Iraner SAID im KörberForum (Foto: Claudia Höhne)

Eine neue Initiative der Körber-Stiftung war im Jahr 2018 auch das Exile Media Forum, an dem120 Journalisten und Medienvertreter teilnahmen. Im Mittelpunkt standen Diskussionen über die Entwicklung der deutschen Medienlandschaft, erfolgreiche Praxisbeispiele sowie die europäische Dimension des Exil-Journalismus. Zu den Teilnehmern gehörten u.a. der Exil-Iraner SAID, »Spiegel«-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda.
Die große Medienresonanz – 150 Clippings, mehrere Fernseh- und Radiobeiträge (u.a. NDR, RTL, SAT1, Deutschlandradio) und Berichte in Print und online (Hamburger Abendblatt, taz, Mopo, elbvertiefung, dpa, Welt) – unterstrich, dass wir mit unserem Fokusthema tatsächlich einen für die Bürgergesellschaft bedeutsamen Aspekt aufgegriffen haben. Dazu trugen auch eine Beilage im Hamburger Abendblatt über die »Tage des Exils« und unser neuer Instagram-Account @gesichterdesexils bei, auf dem wir exilierte Menschen in Vergangenheit und Gegenwart porträtierten. Die Rede zum Exil von Can Dündar wurde in der »Zeit« veröffentlicht, die Rede von SAID auf dem Exile Media Forum in der FAZ.


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